Fitzgerald, Himbeeren mit Sahne im Ritz, Das vierte Zimmer

Spiegelungen und Schattierungen von Glück

Charleston, Wasserwelle, tieftaillierte Paillettenkleider. Es ist der Stil der Roaring Twenties, der so anziehend wirkt, die Inszenierung der schillernden Ballsäle und pulsierenden Traumbilder.

 

Die Frauen der Goldenen Zwanziger strahlen auf Bildern, in Filmen und Büchern diesen ganz eigenen Glamour aus, diese Mischung von Selbstbestimmtheit, Rebellion und Verruchtheit unter anmutiger Eleganz. Man trank Champagner, tanzte die ganze Nacht und konnte seine Träume wahr werden lassen… Wirklich? Dass auch ein glamouröses Leben seinen Preis hatte, wenn man es überhaupt zu erlangen vermochte, führen die Erzählungen von Zelda Fitzgerald vor. In dem Band „Himbeeren mit Sahne im Ritz“, der im Manesse Verlag erschienen ist, sind elf Erzählungen aus den Jahren 1925-1932 versammelt, die uns Frauenfiguren vorstellen, die in den Zwanziger Jahren versuchen, ihr Glück zu machen.

Die Erzählungen spielen in amerikanischen Kleinstädten und in New York sowie in Paris und an der französischen Riviera. Jede Erzählung hat eine attraktive, starke Protagonistin, die eine Situation in ihrem Leben zu nutzen versteht, wie sie ihrem Traum – zumindest vermeintlich – ein Stück näher kommt. Nicht immer führt sie dies ins Showbiz von Hollywood oder an ein Revuetheater der französische Hauptstadt, manchmal liegt das Glück in einem manipulierten Werbefilmchen und dem eine Nacht lang währenden Triumph über die Schönheitskonkurrenz der Heimatstadt. Die Protagonistinnen verbindet ihre Affinität zu Theater und Film, zu Ballett und Tanz. Dabei geht es immer auch um Bilder und Selbstbilder. Bilder, die Sehnsüchte wecken, Selbstbilder, die Traumbilder sind und bleiben werden.

Gracie war hübsch, für ein Mädchen von zwanzig Jahren allerdings etwas zu füllig. (…) Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und weiß. Sie wirkte so warm und feucht, wie aus heißem Milchschaum geboren.

Zelda Fitzgerald erzählt keine psychologischen Miniaturen, sondern ihre Erzählungen leben von den stimmungsvollen Beschreibungen der Szenerien, den bildhaften Charakterisierungen der Figuren und von den lakonisch-witzigen Kommentierungen des Geschehens. Die Settings, die Fitzgerald beschwört, strahlen auf ihre Protagonistinnen zurück, und so spiegelt sich das eine im anderen. Beim Lesen macht man sich ein Bild von diesen Frauen, das aufgeladen ist mit gesellschaftlichen Konventionen, mit Erwartungshaltungen und sie umgebenden (mitunter wenig) glamourösen Kulissen.

Im Theatersaal war es dunkel, ein Mädchen mit kurzem schwarzem Haar flitzte auf der schummrigen Bühne umher und steppte im Rhythmus eines Bergwasserfalls zur Melodie des größten Hits der Saison. In der Bewegung floss ihr das Haar aus dem schnippischen, ernsten Gesicht, als tauchte sie gerade aus dem Wasser auf. Dann hielt sie inne, ein Glucksen brach aus ihr heraus und hüllte sie ein. Unwillkürliche Gesten wie diese schienen sich über ihre naturgegebene Würde und Zurückhaltung zu stülpen und sie selbst ebenso zu überraschen wie den Rest der Welt. Diese Eigenschaft wurde von dem Intendanten als der letzte Schrei gehandelt, das breitere, anspruchsvolle Publikum nannte es Charisma und der recht große Kreis ihrer Widersacher aus den Niederungen des Theaters einfach einen Mangel an Talent.

Die Verwendung der Adjektive in den Erzählungen ist beeindruckend: stellenweise flutet Fitzgerald ihre Beschreibungen damit, doch statt dass man als LeserIn darin untergeht, sieht man umso klarer, alles gewinnt Präzision und Kontur. Ihr Wortschatz ist reich und die entworfenen Bilder sind entsprechend ausgestaltet. Andere Vergleiche sind wiederum knapp gehalten und überaus sinnlich, etwa wenn sie uns junge Frauen vorführt, die „wie aus heißem Milchschaum geboren“ aussehen oder in einem neuen Kleid „wie eine Narzisse“, oder eine, die „in den gelben Augen ein Versprechen von Sonne im Winter und kühlem Schatten im Sommer“ trägt.

Die Erzählerin nimmt in jeder Erzählung eine andere Perspektive und Haltung ein, was die Lektüre der Sammlung sehr abwechslungsreich macht. Fitzgerald beherrscht dies virtuos. Als LeserIn lässt man sich nur zu gern von ihr leiten und verleiten, lässt sich durch die beschriebenen Säle, auf erzählerische Abwege und in Urteile über ihre Figuren lenken. Hierin ist ihr häufig eine Lakonie eigen, die den womöglich tragischen Abschluss einer Erzählung aufzufangen weiß und darin bereits einen möglichen Anfang einer neuen anlegt.

Eloises Herz hatte es aufgegeben, gegen die generationenalte Apathie erschöpfter Farmer, kleiner Anwälte, Landärzte und Bürgermeister anpumpen zu wollen. Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, im Leben überhaupt etwas zu erreichen. Sie stammte von erschöpften Vorfahren ab. Doch vielleicht ist für manches hübsche Gesicht das Kraftwerk der richtige Ort; vielleicht war Eloise einfach nicht für den Broadway bestimmt.

Auch wenn die Erzählungen bereits beinahe hundert Jahre als sind, erkennt man beim Lesen in den Paarkonstellationen und Beziehungsmustern, in den Bildern von Liebe, die Zelda Fitzgerald vorstellt, sehr gegenwärtige Muster. Die Protagonistinnen sind patente, selbstbestimmte Frauen, wenngleich sie in den meisten Fällen einen (verliebten) Mann brauchen, der ihre Träume teilt und sie unterstützt, damit sie den Mut und die Möglichkeiten zur Umsetzung finden, oder der sie enttäuscht/ den sie enttäuschen, woraus Motivation für Neues entsteht. Ein feministischer Gestus durchzieht dabei die Erzählungen und weckt neben der Begeisterung für die Atmosphäre und Sinnlichkeit, die sie verströmen, Solidarität für all die Energie und Resignation, die die Protagonistinnen von Zelda Fitzgerald umtreiben.

 

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné. Mit einem Nachwort von Felicitas von Lovenberg. Zürich: Manesse, 2016.

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