Städel, Fotografien werden Bilder, Das vierte Zimmer

Schule des Sehens

Große Formate, große Namen: das Städel zeigt eine Fotoausstellung mit Bildern von Bernd und Hilla Becher sowie ihren SchülerInnen Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth, Jörg Sasse und anderen. Es geht um Grundsätzliches: Wie sehen wir?

 

Seit der Renaissance beschäftigt die Menschen der sogenannte Wettstreit der Künste, der Paragone (lat.: Vergleich). Ging es damals vorrangig um die Gegenüberstellung von Malerei und Skulptur, dann auch der Literatur, also der sogenannten Schönen Künste, haben sich mit der Erfindung der Fotografie die Maßstäbe für die Darstellbarkeit von Bedeutung, die Möglichkeiten der Abbildbarkeit der Welt und die Potenz zur Emotionalisierung des Betrachters durch die einzelnen Kunstgattungen noch einmal verändert. Dabei galt die Fotografie lange selbstverständlich nicht als eigene Kunstgattung, da man ihr lediglich eine dokumentarische Wiedergabe des Faktischen attestierte, dem Fotografen keinen gestalterischer Einfluss zugestand und so in der einzelnen Fotografie keinen künstlerischen Mehrwert erkannte. Dies hat sich mit der Weiterentwicklung der fotografischen Mittel und Methoden zunehmend verändert.

1990 erhielten Bernd und Hilla Becher für ihre Arbeiten den Goldenen Löwen der Biennale Venedig – in der Sparte „Skulptur“. Denn für Fotografie war auch in diesen Jahren in Venedig noch keine eigene Sparte eingerichtet. Kaum vorstellbar. Hatte sich doch die Fotografie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Kunstgattung etabliert. Oder wer hat Leute wie Henri Cartier-Bresson und Robert Capa als Bildhauer verstanden? Doch ganz ohne Zynismus haben auch die Bechers ihren ersten Bildband unter dem Titel „Anonyme Skulpturen“ veröffentlicht. Die Motive ihrer Fotografien sind Getreidesilos, Fachwerkhäuser, stillgelegte Fördertürme und dergleichen architektonische Objekte, die die Künstler in ihren Schwarzweiß-Fotografien wie Skulpturen inszenieren. (Ui, aufgemerkt, Architektur als Subgattung der Bildenden Kunst gibt es ja auch noch.)

Städel, Fotografien werden Bilder, Das vierte Zimmer
Bernd und Hilla Becher: Fachwerkhäuser 1959/61-1974 / Bildnachweis siehe Textende (Bild 1)

Die Ausstellung im Städel geht nun weniger der Frage nach, inwieweit die gezeigten Fotografien oder die abgebildeten Motive skulptural sind, sondern richtet den Fokus darauf, wie die Fotografien der Bechers und ihrer ersten Schüler der Düsseldorfer Kunstakademie mit den Mitteln der Fotografie die Wahrnehmung des Abgebildeten und nicht zuletzt grundsätzlich unsere Wahrnehmung unserer Umgebung, des Faktischen verändern.

Damit sind wir wieder bei der Paragone-Debatte: in welchem Maße kann Wirklichkeit abgebildet werden, welcher künstlerische Mehrwert und welcher Grad der Affizierung des Betrachters kann in einem Bild mit welchen Mitteln erzeugt werden. Die titelgebende These der Ausstellung „Fotografien werden Bilder“ legt es nahe: es geht in den Fotografien der Becher-Klasse nicht um ein wie auch immer geartetes dokumentarisches Ansinnen, sondern um die Strategien der Künstler, fotografische Ab-Bilder zu erschaffen, mit denen sie dem Betrachter ermöglichen, über das Gesehene hinaus seine Bedeutungszuschreibungen zu reflektieren. Interessanterweise akzeptiert die These, dass es einen qualitativen Unterschied zu überbrücken gelte zwischen Fotografien und Bildern.

Städel, Fotografien werden Bilder, Das vierte Zimmer
Candida Höfer, Bibliothèque Nationale de France Paris XIII 1998 / Bildnachweis siehe Textende (Bild 2)

Während die Fotografien von Bernd und Hilla Becher in Schwarzweiß präsentiert werden, wenden sich die SchülerInnen zunehmend der Farbfotografie zu. Auch das Serielle der Becher-Bilder wird von den SchülerInnen modifiziert bzw. nicht übernommen. Die digitale Fotografie eröffnet den KünstlerInnen zudem neue Möglichkeiten der Gestaltung.

Auch wenn man in der Ausstellung bemüht ist, die Gemeinsamkeiten der Becher-Klasse herauszustellen, wenn ihre theoretischen Konzepte, die ihren Arbeiten zugrunde liegen, thematische Ähnlichkeiten und verbindende Ansätze aufweisen, was ja nicht verwunderlich ist nach dem gemeinsamen Studium und damit verbundenen Austausch, so führen diese doch zu jeweils eigenständigen Formensprachen der einzelnen Fotografinnen und Fotografen. Die Innenraumfotografien von Candida Höfer und die Nahaufnahmen von Jörg Sasse, die Porträts von Thomas Struth und die Vogelperspektivaufnahmen von Andreas Gursky, sie alle sind für sich genommen beeindruckend bis atemberaubend, in der gemeinsamen Hängung der Ausstellung ergänzen sie sich großartig und öffnen im Zusammenspiel immer neue Sichtweisen.

Städel, Fotografien werden Bilder, Das vierte Zimmer
Andreas Gursky, Pförtner, Passkontrolle, 1982 (2007) – Bildnachweis siehe Textende (Bild 3)

Es geht um Faktisches, Situatives und Inszeniertes, um Perspektive, Licht und Farbe, um Dokumentation und Emotion. Wie in der Malerei und der Skulptur, wie in der Architektur. Fotografien sind Bilder.

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. August 2017 zu sehen, und wer während der Sommerhitze mal an einen kühlen, inspirierenden Ort fliehen möchte: Hingehen!

Zur Befriedigung der ersten Neugier geht’s hier zum Digitorial der Ausstellung.

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Bildnachweise

Bild 1: Bernd (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015) Fachwerkhäuser, 1959-61 / 1974
Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier, 152,4 x 112,5 cm Sammlung Deutsche Bank
© Estate Bernd & Hilla Becher

Bild 2: Candida Höfer (*1944)
Bibliothèque Nationale de France Paris XIII 1998, 1998 Chromogener Farbabzug, 155 x 215 cm
Art Collection Deutsche Börse
Deutsche Börse Photography Foundation
© Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bild 3: Andreas Gursky (*1955)
Pförtner, Passkontrolle, 1982 (2007)
Tintenstrahldruck, 43,2 x 52,5 cm
Leihgabe des Künstlers / Courtesy Sprüth Magers
© Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Courtesy Sprüth Magers Berlin London

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