Frankfurt, Das vierte Zimmer, Museum Angewandte Kunst, Yokohama-Ausstellung

Japanische Bilderwelten um 1900

Kleiderkultur- und Sehgewohnheiten-CrissCross: eine Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zeigt Farbholzschnitte und Fotografien aus dem Japan der Meiji-Zeit

 

Was wäre die Kunst ohne die Traditionsverbundenheit wie auch den Erfindungsgeist der Menschen? Eine interessante Überschneidung dieser beiden Movens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt die Ausstellung Yokohama 1868-1912. Als die Bilder leuchten lernten im Museum Angewandte Kunst vor Augen.

Wirtschaftliche Not zwang Japan Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Öffnung des Landes für westliche Handelspartner, die seit dem 17. Jahrhundert konsequent vermieden worden war. Mit den Seeleuten kamen im Hafen von Yokohama die (zumeist europäischen) Pioniere der Fotografie ins Land. Und wie auch in Europa veränderte die Fotografie das Sehen, das Erinnern und die Kunst in erheblicher Weise.

Die Fotografien, die die Europäer vom Hafen, von der Stadt, dem Umland und den Menschen erstellten und nach Hause schickten oder mitbrachten, inszenierten die/das Abgebildete/n zumeist folkloristisch, romantisierend und exotisierend. Die Klischees der schönen Geisha sowie des zahnlosen Hafenarbeiters in floraler Tracht wurden bedient. Zunehmend lichteten sich die Europäer dann auch selbst in traditioneller japanischer Kleidung ab. Eine Steigerung des folkloristischen Gestus mit den Mitteln der neuesten Technik.

Toyohara Chinakobu: Eine Gruppe moderner Schönheiten, um 1890 (Ausschnitt)

Im Gegenzug adaptierten fortschrittlich gesinnte Japaner den westlichen Kleidungsstil. Für den Kaiser etwa wurde es als ein Zeichen seiner Zukunftsorientierung verstanden, sich selbst und seine Armee in westlich anmutende Uniformen zu kleiden. Und auch im Alltag fanden westliche Kleidungsstücke und -schnitte Eingang in die Garderobe der japanischen Männer und Frauen. Diese gegenläufige Selbst-Inszenierung lässt sich in einer Vielzahl der ausgestellten Holzschnitte und Fotografien ablesen.

Während die traditionelle Technik des Ukiyo-e, des Farbholzschnitts, also die „alte“ Kunstform, gegenwärtige Neuerungen wie die Steinbauweise von Brücken oder Dampfeisenbahnen ganz selbstverständlich in ihre Abbildungen integriert, verfallen die Fotostudios in ihren Arbeiten mit der „neuen“ Kunsttechnik in die Abbildung des „alten Japan“, etwa die Inszenierung von Rikschafahrern und Teezeremonien. Auch eine Gegenläufigkeit, die zum Nachdenken über die Spielräume von Kreativität und die Entwicklung künstlerischer Formensprache anregt.

Besonders anschaulich werden diese Beobachtungen in einem „klassischen“ Holzschnitt von 1885 vereint, auf dem in mehreren kleinen Bildern, deren Gestaltung an fotografische Porträts angelehnt ist, eine Anleitung für westliche Frisuren »für die Damen Groß-Japans« darstellt wird.

Frankfurt, Das vierte Zimmer, Museum Angewandte Kunst, Yokohama-Ausstellung
Adachi Ginko: Bilderklärung zu westlichen Frisuren für die Damen
Groß-Japans, 1885, in der Ausstellung „Yokohama 1868-1912. Als die Bilder leuchten lernten“ im MAK, Frankfurt

Mit der Zeit entstanden dann zunehmend Holzschnitte, die sich mit der Fotografie selbst beschäftigen und z.B. die Kameras, die Arbeit in den Fotostudios von Yokohama oder private Fotoalben abbilden. Doch auch diese thematische Öffnung hat den Niedergang der Ukiyo-e-Kunst leider nicht aufhalten können.

Frankfurt, Das vierte Zimmer, Museum Angewandte Kunst, Yokohama-Ausstellung
Utagawa Kunisada II: Eine Kamera aus Amerika, in der Ausstellung „Yokohama 1868-1912. Als die Bilder leuchten lernten“ im MAK Frankfurt

Die Ausstellung zeigt mehr als 250 Farbholzschnitte und historische Fotografien und ist noch bis zum 28. Mai 2017 zu sehen. Hingehen lohnt sich!

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