Katharina Winkler, Blauschmuck, Das vierte Zimmer, Frankfurt

Die Tragödie von nebenan

In ihrem Debüt erzählt Katharina Winkler in knappen Sätzen eine Lebensgeschichte voller Gewalterfahrungen. Beklemmung und Schmerz werden beim Lesen körperlich spürbar. Das ist hohe Erzählkunst.

 

Der Roman von Katharina Winkler spielt in der Türkei und in Österreich, ungefähr von Mitte der 1970er Jahre bis 1998. Die Ich-Erzählerin heißt Filiz Lale und ist zu Beginn ein Mädchen von zwölf Jahren. Sie wächst in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf, in einer patriarchalen Gesellschaft, ihr Leben ist von Gewalterfahrungen geprägt. Jeder Mann im Dorf schlägt seine Frau und seine Kinder. „Blauschmuck“ ist der Euphemismus, mit dem die Frauen ihre blauen Flecken bezeichnen. Und sie unterscheiden lakonisch die Nuancen von Hellblau, Dunkelblau, Himmelblau, Blau-Rot, Blau wie Sommerhimmel, Blau wie Winterhimmel, Grau wie Herbsthimmel, Dämmerung, Regenbogen. So erbarmungslos wie es in den Familien zugeht, so erbarmungslos treffen die Worte der Autorin.

Es gibt Frauen, die ihr Blau um den Hals tragen wie einen Reif oder in einer Vertiefung unter dem Hals wie ein Medaillon, manche tragen ihr Blau als Armband um das Handgelenk, manche um ihre Fesseln. (…) Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmt den Blauton.

Filiz verliebt sich in Yunus. Sein Haar glänzt so schwarz und seine Augen leuchten so grün, wenn er nach dem Baden aus dem Fluss steigt und zu ihr tritt. Filiz und die anderen Mädchen dürfen – selbstverständlich – nicht baden gehen. Und so strahlt Yunus etwa in dieser Situation eine Freiheit aus, nach der Filiz sich sehnt. Alle Kinder und Jugendlichen im Dorf müssen ihren Eltern bei der Bestellung von Haus und Hof zur Hand gehen, die Aufgaben werden altersgemäß verteilt. Wer Fehler macht, wird mit Prügel bestraft. Das gilt für Ehefrauen und Kinder gleichermaßen, die Frauen werden zumeist auch noch vergewaltigt. Dass die Familien deshalb so kinderreich sind, erklärt sich indirekt daraus.

Gegen den Willen und ohne den Segen ihres Vaters heiratet Filiz Yunus, als sie fünfzehn ist. Er hat ihr ein Leben in Deutschland versprochen, wo sie beide Jeanshosen tragen werden. Doch dort wird sie nie angekommen, und sie wird sich verschleiern müssen, wenn sie überhaupt das Haus verlassen darf. Nach einer unbestimmte Zeit dauernden Reise erreicht sie irgendwann Österreich, nach wiederholten Stationen bei der mitleidlosen, hasserfüllten Schwiegermutter sowie in anonymen Wohnungen, in denen sie von Yunus mit den zwischenzeitlich geborenen Kindern eingesperrt wird.

Yunus wird ein recht erfolgreicher Geschäftsmann, ist immer gut gekleidet, ordentlich frisiert und manikürt. Filiz und die Kinder hausen im Verborgenen. Nachdem die Kleinfamilie nicht mehr bei der Schwiegermutter wohnt, die Filiz das Leben zusätzlich zur Hölle gemacht hat, ist Filiz froh über jeden Tag, an dem Yunus nicht nach Hause kommt.

Filiz bekommt von Yunus drei Kinder: Halil, Selin und Seda. Keines dieser Kinder hat sie sich gewünscht, und keinem dieser Kinder wünscht sie das Leben. Filiz versucht jedes Kind während der Schwangerschaft zu töten.

Das ganze Dorf ist Heimweh. Es ist da, um mir zu sagen, wie fern ich bin. Und dass ich ein Kind bin und ein Zuhause brauche. Es hört, wie ich dieses Haus Zuhause nenne und lacht mich aus.

In Österreich kommt die Familie auf einem Bauernhof in der Scheune unter, Yunus geht seinen Geschäften nach, Filiz hegt den Gemüsegarten, die Kinder gehen sogar in einen Kindergarten. Sie lernen etwas Deutsch. Neben all den gewaltvollen und tieftraurigen Szenen, die dieses Buch enthält, und die beim Lesen immer wieder Tränen der Wut aufsteigen lassen, gehört mit zu den bewegendsten jene, in der Katharina Winkler ihre Filiz das erste Weihnachtsfest beschrieben lässt: ihr eigenes Unverständnis dieser Tradition samt Liedersingen und ehrfürchtigem Warten, ihr Bedürfnis, ihre Kinder vor einer Enttäuschung zu bewahren, weil kein Christkind kommen wird, und die große Erleichterung nach einem gewaltfreien Abend, den die Bauersfamilie ihnen beschert hat, indem sie einen geschmückten Tannenbaum vorbeibrachte und Geschenke für die Kinder, deren Augen den ganzen Abend leuchteten wie alle Kinderaugen unter einem Weihnachtsbaum leuchten dürfen. Diese feierliche Stimmung hat selbst Yunus nicht zu zerstören gewagt.

Die prügelfreie Zeit ist das Paradies. Zeit für unseren Herzschlag.

Irgendwann kommt wieder der Zeitpunkt, an dem die Familie weiterzieht. Filiz erfährt nie, was die Gründe sind. Doch sie muss Yunus mit den Kindern folgen. Wo sollte sie auch sonst hingehen? Sie hat niemanden.

Filiz lernt, zumindest manchmal ihre Kinder vor Yunus’ Gewaltausbrüchen zu schützen und sich selbst bestimmte kleine Freiräume zu schaffen, wenn Yunus weg ist. Seine Prügel und Vergewaltigungen sind jedoch unberechenbar, und die Familie wird ihnen nicht entkommen können. Erlösung aus diesem Leben gibt es erst, nachdem Yunus Filiz wieder einmal so brutal zusammengeschlagen hat, dass die neuen Nachbarn die Polizei rufen. Filiz kommt ins Krankenhaus, die Kinder werden vom Jugendamt in Obhut genommen. Nach Filiz’ Entlassung ziehen sie zu viert ins Frauenhaus. Yunus kehrt in die Türkei zurück – wo er erneut heiratet und weitere Kinder zeugt.

Nachts pfeift der Wind das Lied der blauen Frauen ums Haus.

Was für ein Buch. Es hat mich so oft traurig und wütend gemacht, wie es mir lange nicht passiert ist. Katharina Winkler beherrscht das Spiel mit der Sprache auf der Klaviatur der Emotionen ebenso hervorragend wie die Kunst, an den richtigen Stellen Pausen zu machen und Dinge unausgesprochen zu lassen. Im Buch werden diese Pausen bildlich unterstrichen, indem die Seiten nicht vollständig bedruckt sind. Die weiße Seite eröffnet einen Hallraum für das soeben Gelesene, eine Gedankenpause, die man inmitten all der Gewalt und Not dringend braucht.

Die Geschichte, die Katharina Winkler in „Blauschmuck“ erzählt, beruht auf der Lebensgeschichte einer Bekannten ihrer Mutter.

Nach dem Lesen bleibt man betroffen und hilflos zurück. Mit dem letzten Satz gibt die Autorin mir persönlich den Rest. Welche Kraft Worte haben, die Imaginationsräume aufmachen, das zeigt dieses Buch an unzähligen Passagen, doch mit dem letzten Satz noch einmal in schonungsloser Konsequenz. Es ist beeindruckend, wie es Katharina Winkler gelingt, mit ihren knappen Sätzen und pointiertem Erzählrhythmus über die unkontrollierbare Gewalt zu schreiben, der ihre Protagonistin und die Kinder ausgesetzt sind. Dass diese exemplarisch für unzählige Kleinfamilien stehen können, schmerzt umso mehr. Wie viele Menschen müssen in solchen Abhängigkeitsverhältnissen leben, und wie viele können niemals darüber sprechen und daraus ausbrechen. Das ist gänzlich unabhängig von Herkunftsländern. Auch anderswo als in dem kurdischen Dorf, aus dem Winklers Filiz stammt, gibt es Familien, in denen Frauen und Kinder regelmäßig körperlicher und seelischer Nötigung ausgesetzt sind. Dieses Buch bezieht erzählerisch Position gegen Unterdrückung und Gewalt. Das kann und muss große Literatur genannt werden.

 

Katharina Winkler: Blauschmuck. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2016.

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