Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte Zimmer

Alles atmet Zeitgeist

Ein Abend unter dem Hashtag #dnbsmcffm. Was es damit auf sich hat? Der Social Media Club Frankfurt war zu Gast in der Deutschen Nationalbibliothek. Kann man sich in etwa so vorstellen: rund 30 kulturaffine Menschen, die während der Gruppenveranstaltung auf ihre Handys starren, tippen und nur in Halbsätzen sprechen, und am Ende mit neuem Wissen und freundlichen Begegnungen beglückt nach Hause gehen.

 

Es hat großen Spaß gemacht: am Mittwochabend war ich beim Social Media Walk in der Deutschen Nationalbibliothek dabei. Dass dies eine phantastische Bibliothek ist, wusste ich schon vorher, sowohl was den Bestand als auch die Architektur angeht. Nicht selten habe ich hier schließlich schon arbeitssame Tage verbracht. Aber bislang hatte ich noch keine Führung durch das Haus wahrgenommen, und ich kann es vorwegnehmen: es lohnt sich. Macht selbst einmal eine mit, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Ein Social Media Walk ist eine Veranstaltung, bei der kulturinteressierte Leute, mit ihren Handys und Fotokameras im Daueraufnahmemodus, eine renommierte Bildungseinrichtung ihrer Stadt besuchen und (live) in den Sozialen Netzwerken und/ oder im Anschluss auf ihren Blogs davon berichten. Das musste ich mir also auch unbedingt mal ansehen 🙂 Und dass mein erster smw mich nun ausgerechnet in den Frankfurter Standort der größten deutschen Bibliothek führen würde, war für mich als Literaturwissenschaftlerin natürlich ein besonderes Glück.Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte Zimmer

Der Abend begann mit einer Begrüßung der Hausherrin Ute Schwens in einem der Konferenzräume im ersten OG. An den Sichtbetonwänden hängen die Porträts der vier Generaldirektoren seit Gründung der Bibliothek. Das vorerst letzte Porträt ist eine Fotografie von Helmut Newton und zeigt Klaus-Dieter Lehmann, den ersten Generaldirektor, der nach der Wende diese Funktion für die Standorte Frankfurt und Leipzig gemeinsam ausübte. Seit 1999 ist Elisabeth Niggemann die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek. Ein Porträt von ihr hängt noch nicht, doch dass demnächst hier eine Frau die Herrenriege ergänzen wird, darf für heute als erfreuliche Perspektive ausreichen.

In zwei Gruppen wurden wir durch das Haus geführt: eine allgemeine Führung zur Geschichte der Deutschen Nationalbibliothek und Architektur des Hauses von Ellen Kippler sowie eine Führung durch das Deutsche Exilarchiv von Silvia Asmus und Jesko Bender wurden für uns arrangiert.

Wie immer bei guten Führungen: charmant wurde ein Feuerwerk von hard facts geliefert. Einige, die mich besonders überrascht und/ oder beeindruckt haben und/ oder mir besonders im Gedächtnis geblieben sind: Der Bau des Gebäudes wurde bereits in den 80er Jahren von einem Stuttgarter Architekturbüro entworfen und erhielt den Zuschlag nach der Ausschreibung, die Eröffnung fand jedoch erst 1997 statt, weil vor Baubeginn die Zeitgeschichte in Gestalt der Wiedervereinigung dazwischenkam. Es musste geklärt werden, wie überhaupt im vereinigten Deutschland eine Deutsche Bibliothek (Frankfurt) und eine Deutsche Bücherei (Leipzig) weiterbestehen würden. Es wurde dann schnell entschieden: beide Standorte bleiben. Der Präsenzbestand wird seither paritätisch aufgeteilt, bestimmte Arbeitsschwerpunkte für die beiden Häuser sind definiert. Erst seit 2006 tragen die Einrichtungen den gemeinsamen Namen Deutsche Nationalbibliothek.

Im Gebäude hier in Frankfurt befinden sich aktuell 170 km volle Bücherregale. Man kalkuliert den Raum im Magazin so, dass bis 2035 erscheinende Medien hier am Standort archiviert werden können. Wenn man die Gänge zwischen den Regalen verschmälert bis 2050. Wenn dann angebaut werden muss, hat man eine Option auf das Nachbargrundstück, auf dem aktuell die Tankstelle steht. Gut zu wissen, dass das schon geklärt ist! Ist es nicht eine tolle Vorstellung, dass in 40 Jahren die gesamte Riesenkreuzung Nibelungenallee/ Adickes Allee/ Oeder Weg unterkellert und mit Büchern vollgeräumt sein könnte?

Man darf eh gespannt sein, ob die zeitliche Planung so hinkommen wird. Denn in diesem Jahr erreichen die DNB bereits täglich (!) 2000 Neuzugänge in Print und 5000 online-Neuzugänge, die archiviert und katalogisiert werden wollen. Eine sagenhafte Menge! So viel wird publiziert… Und die Zahl der online-Publikationen steigt bekanntlich.

Das Deutsche Exilarchiv sammelt Nachlässe von deutschsprachigen Exilanten/ Familien mit Exilbiographie mit einem Schwerpunkt der Jahre 1933-45. Zum Teil stammen die Exponate auch aus älterer oder noch jüngerer Zeit und werden ebenfalls archiviert, wenn der Kern des Nachlasses einen eindeutigen Exilbezug in den fraglichen Jahren der Nazi-Zeit hat. Aus dem Bestand des Exilarchivs haben wir einige besondere „Schätze“ gesehen: einen österreichischen und einen tschechischen Pass des Schriftstellers Richard A. Bermann, Briefe von Joseph Roth und Sigmund Freud, eine mit Erinnerungsmotiven von der Flucht bestickte Reisetasche von Irma Lange, einen Mietvertrag einer geflohenen Familie aus Shanghai, Koffer mit einer belegten Nutzungshistorie seit 1830, kenianische Holzfiguren der Autorin Stefanie Zweig, die diese nach ihrer Rückkehr aus dem Exil bis zu ihrem Tod in ihrer Wohnung zur Erinnerung aufgestellt hatte sowie eine handschriftlich auf der Rückseite als solche bezeichnete „Fahrkarte in die Freiheit“. So unterschiedlich sind die Exponate, die hier verwahrt und der Forschung zugänglich gemacht werden. Und in jedem Nachlass gibt es selbstverständlich immer Neues zu entdecken.Deutsches Exilarchiv, Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte ZimmerDeutsches Exilarchiv, Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte ZimmerDeutsches Exilarchiv, Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte Zimmer

Da hier nicht der Ort für längere inhaltliche Wiedergaben zur genuinen Aufgabe der DNB sein soll, verweise ich auf die Website: die Deutsche Nationalbibliothek und das Deutsche Exilarchiv.

Im März 2018 wird im renovierten Ausstellungsbereich im Erdgeschoss die Dauerausstellung des Exilarchivs mit rund 250 Exponaten eröffnet werden. Es werden ausschließlich Originale aus dem eigenen Bestand zu sehen sein.

Schon jetzt zugänglich und großartig: die digitale Ausstellung Künste im Exil, die unter Federführung des Deutschen Exilarchivs in Kooperation mit über 30 anderen Archiven, Forschungsinstituten, Ausstellungshäusern entstanden ist. Hier gibt es regelmäßig neue Sonderausstellungen, auf die sich ein Blick ((Klick)) lohnt!

Rund zwei Stunden wurden wir durch die Flure, Hinterzimmer und verborgenen Magazine der Bibliothek geleitet. Überall viel Sichtbeton, viel Glas, viel Holz. Es fühlte sich ein bisschen an wie bei einer überfüllten Wohnungsbesichtigung: man beurteilt den Lichteinfall, die Aussicht, überall stehen Kisten und Bücherregale, und man muss aufpassen, dass man nicht jemanden umrennt, der sich ebenfalls versonnen umsieht. Die Räume strahlen bei aller modernen und funktionalen Einrichtung etwas Wohnliches, Behagliches aus. Sind es die Bücher? Spürt man im Vorbeigehen das Wissen (zumindest eine Ahnung davon), das hier eingelagert wird? Sind es die konzentrierten Menschen in den Lesesälen? Geht nicht deren einsame Betriebsamkeit atmosphärisch in ein Gemeinschaftserlebnis über? In unserer kleinen Gruppe breitet sich jedenfalls schnell eine heitere Stimmung aus, alle sind fasziniert von den Räumen und Informationen, die uns präsentiert werden. Zum Abschluss des Abends werden wir noch auf die Dachterrasse geleitet, die einen herrlichen Blick auf die Frankfurter Skyline im Abendlicht bietet. Was will man mehr? Gerade: Nichts. Das war ein gelungener Abend und ich radel beseelt nach Hause.

Deutsche Nationalbibliothek, Das vierte Zimmer
Wo die Bücher schlafen

2 Replies to “Alles atmet Zeitgeist

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