Mareike Fallwickl, Dunkelgrün fast schwarz, Das vierte Zimmer

Auf Farben hören

Wie zerstörerisch kann eine Freundschaft sein? Mo und Raf sind jahrelang die besten Freunde und zugleich in unerbittlichem Kampf gefangen. Ein Roman über seelische Abgründe und große Befreiungsschläge.

 

Wie nah Freundschaft und Abhängigkeit beieinander liegen, diese Erfahrung müssen Moritz und seine Mutter Marie machen, nachdem sie in das winzige Bergdorf in der Nähe von Hallein gezogen sind. Moritz ist damals drei Jahre alt, seine Schwester gerade geboren. Alexander, der Vater der Kinder bleibt in Salzburg, wo er als Assistenzarzt arbeitet. Seine Besuche an den Wochenenden sind sporadisch, und für die Kinder kaum bedeutsam. Marie sucht Anschluss, und ist daher anfangs dankbar für den Kontakt zu Sabrina und ihrem Sohn Raffael, der offenkundig auch Interesse an einer Freundschaft mit Moritz hat. Die beiden Jungs sind von der ersten Begegnung an unzertrennlich. In der Schule werden sie: Mo und Raf.

Es ist eine ungleiche Freundschaft. Der ach so liebenswerte Raf ist ein heimtückischer Manipulator, der den gutmütigen, Synästhesie begabten und darum unsicheren Moritz regelmäßig unter Druck setzt. Als im Teenageralter Johanna auf ihre Schule kommt, wird aus den dreien ein Trio fatale.

Mareike Fallwickl erzählt die Geschichte dieser Freundschaft im Rückblick und beginnt mit der Wiederbegegnung der beiden Männer nach 16 Jahren. 16 Jahre, in denen Moritz den Kontakt zu Raf abgebrochen hatte. Doch sobald dieser bei ihm vor der Tür steht, hat er ihn auch gleich wieder im Griff, die alten Verhaltens- und Erklärungsmuster rasten sofort ein. Dabei weiß Moritz inzwischen um Rafs zerstörerischen Charakter und warum er mit ihm nichts mehr zu tun haben will. Doch er ist auch neugierig und lässt sich darum bereitwillig ein auf das erzählerische Versteckspiel, dass Raf mit ihm treibt. Bis dann auch noch Johanna in seinem Wohnzimmer sitzt. Es kommt zu einem Showdown, der für die seelische Gesundheit erleichternd ist.

Fallwickl lässt nicht nur Moritz und Raffael aus ihrer Perspektive zu Wort kommen, sondern auch Johanna und Marie. Aus den Fragmenten und Zeitsprüngen der personalen Erinnerung setzt sich der Roman für die/ den LeserIn zu einem brüchigen, doch deutlichen Mosaik zusammen. Es ist phantastisch, wie Mareike Fallwickl ihre Figuren bei aller Schwarz-Weiß-Malerei und Gut-Böse-Zuschreibung ernst nimmt. Raf ist eindeutig unsympathisch, und doch hat auch seine Perspektive ihren Reiz und ihre Plausibilität. Moritz synästhetische Wahrnehmung gibt dem Roman eine zusätzliche Qualität und emotionale Dimension. Wie Fallwickl mit ihrer präzisen Sprache diese Sonderbegabung erlebbar macht, ist ein großer Gewinn. Johannas Trauer und Maries Hilflosigkeit, die sehenden Auges die fatale Freundschaft ihres Sohnes zulassen muss (muss sie? eine wichtige Frage für Eltern…), sind beides weitere psychologische Dimensionen, denen Mareike Fallwickl mit ihrer Figurenzeichnung mehr als gerecht wird. Dieser Roman ist meine Empfehlung des Frühjahrs – für Männer, Frauen, Eltern, alle.

 

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2018.

 

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