Perception is Reality, David OReilly: Everything, Frankfurt, Das vierte Zimmer

Schaukeln für das Kunsterlebnis

Das Museum als Abenteuerspielplatz, ästhetische Erfahrung als Grenzerfahrung. Die Datenbrille machts möglich: „Perception is Reality“ im Frankfurter Kunstverein.

 

Im Frankfurter Kunstverein widmet sich noch bis zum 7. Januar 2018 eine Ausstellung der „Konstruktion von Wirklichkeit“. Erstmals werden hierbei in einem deutschen Museum Virtual-Reality-Arbeiten gemeinsam mit analogen Kunstwerken präsentiert. Die Fragen, die man mit dieser Ausstellung zu beantworten sucht, sind meta-reflexiv: Wie verändern Kunst und/ oder Virtuelle Realität unsere Wahrnehmung? Ist VR Kunst? Welche ästhetische und emotionale Erfahrung beschert VR/ Kunst?

Die ausgestellten digitalen Kunstwerke sind allesamt von den BesucherInnen der Ausstellung nutzbar, damit jedeR die ästhetische Erfahrung unmittelbar erlebt. Auf Bildschirmen wird jeweils übertragen, was die Person in der Datenbrille sieht. Es ist jedoch ein riesiger Unterschied, ob man selbst durch die Brille schaut oder auf den Bildschirm.

Zwei Erlebnisse mit VR-Kunstwerken waren für mich besonders eindrucksvoll: „Plank Experience“ von Toast und „Swing“ von Christin Marczinik & Thi Binh Minh Nguyen. Die „Plank Experience“ erwartet die BesucherInnen im 1.OG gleich im Treppenhaus: Auf dem Fußboden liegt eine Holzplanke, darüber schwebt die VR-Brille. Gegenüber vor dem Fenster ist ein Ventilator befestigt, der auf niedrigster Stufe Wind erzeugt. Rechts vom Fenster an der Wand hängt der Bildschirm, der die Szenen aus der Brille überträgt. Wer nun die Brille aufzieht, besteigt virtuell einen Fahrstuhl. Der freundliche Museumsguide hilft beim Anziehen der Brille und aktiviert dann die Fahrt. Im Fahrstuhl kann man sich ganz VR-like umschauen: man steht allein in einem klassischen, Silber ausgekleideten Fahrstuhl, oben leuchtet eine schlichte Lampe, die Schaltknöpfe befinden sich rechts neben der Tür. Wenn sich schließlich die Tür öffnet, erblickt man vor sich eine Stadtansicht in 160 Metern Höhe. Unten vor den Füßen liegt ein Holzbrett, auf das man heraustreten kann (soll). In diesem Moment vermischen sich das Sehen durch die Brille und das reale Vorwärtsgehen im Museum: man muss den Schritt nach vorn machen, um auf die hölzerne Planke zu steigen. Auf dieser geht man dann weiter nach vorn, an spürt den Wind des Ventilators im Gesicht. In der Brille wird dies begleitet mit einem sich erweiternden Blick in die Stadt. Man sieht andere Wolkenkratzer, Berge, den vom Sonnenuntergang verfärbten Himmel, einen Schwarm kreisender Tauben. Und unter dem Brett die Straße. Die Installation fordert nun implizit dazu auf, bis zum vorderen Ende der Planke zu gehen und dann hinunterzuspringen. Es ist verrückt, wie schwer dies fällt! Selbst wenn oder gerade weil man ja weiß, dass man in einem Museum steht, die Planke direkt auf dem Fußboden liegt, also der letzte Schritt eine maximale Höhe von 3 cm zu überwinden hat – – – und doch: das Gehirn lässt dich zögern. Die Täuschung aller Instinkte und Reflexe ist so umfassend, dass man nicht einfach über das Brett und dessen Ende hinaus spaziert, sondern zögert, Schwindel verspürt. Die Bildwelt überlistet das Gehirn, und es bedarf einiger mentaler Anstrengung, den letzten Schritt über das Brett hinaus zu tun, damit man dann auch den Fall hinunter zur Straße in seiner VR-Brille erleben kann.

Perception is Reality, Toast: Plank Experience, Frankfurt, Das vierte Zimmer
Toast: Plank Experience

Ein vergleichbares, doch weit positiveres Erlebnis verschafft die Arbeit „Swing“. Hier wurde eine Schaukel in den Ausstellungsraum gehängt, auf der die Besucherin/ der Besucher Platz nimmt. Zusätzlich zur VR-Brille setzt man sich hier noch Kopfhörer mit leiser, sphärischer Musik auf. Die Bildwelt, in die man nun mit der Brille blickt, hat nicht einmal den Anspruch, ein Abbild einer realen Umgebung zu sein, sondern besteht sichtbar und explizit aus Papier. Bäume, Häuser, Berge, ein Fluss, Drachen, Heißluftballon, Vögel, alles ist aus Papier gefertigt, ausgeschnitten oder Origami gefaltet. Alles in zarten Farben, sehr harmonisch, beinahe kitschig, lieblich, unwahrscheinlich schön. Und während man schaukelt, gewinnt man zunehmend an Höhe – nicht nur im Museumsraum, sondern auch in Relation zur Papierwelt. Jeder Schwung bringt einen weiter ins Weltall und lässt einen immer weiteren Blick auf die papierne Landschaft zu. Je schneller man schaukelt, desto höher steigt man. Es setzt dieses Schaukeln positive Gefühle frei: Eine Erinnerung, die man aus Kindheitstagen vom Spielplatz in sich trägt. Trotz der Abstraktion der Bildwelt und die gewissermaßen doppelte Trennung von der Realität durch die akustische Abkopplung entsteht diese Illusion. Das macht großen Spaß und weckt den Wunsch noch lange, lange hier zu schaukeln…

Perception is Reality, Christin Marczinzik & Thi Binh Minh Nguyen: Swing, Frankfurt, Das vierte Zimmer
Christin Marczinzik & Thi Binh Minh Nguyen: Swing

Eine ganz andere Erfahrung beschert die Installation „The Garden Room“ von Hans Op de Beeck. Die absolute Künstlichkeit, die dieser Raum ausstrahlt, zieht einen jedoch auch ebenfalls sofort an. Der Raum ist monochrom in Grau gestaltet, abgesehen von zartrosa Kirschblüten an den steinern-grauen Bäumchen, die das Wasserbecken abwechselnd mit steinern-grauen Sofas säumen, das in der Mitte des Raumes eingelassen ist. Auf dem Wasser schwimmen steinern-graue Seerosenblätter und am vorderen Ende des Beckens steht ein steinern-grauer Rehbock auf einer steinern-grauen Bodenplatte. Der Rehbock wendet den Blick nach hinten. Da an beiden kurzen Seiten des Raumes Spiegel angebracht wurden, verlängert sich der Blick / der Raum ins Unendliche. Die lebensgetreue Nachbildung der Objekte erzeugt den Eindruck, man befände sich in einem dreidimensionalen Stillleben. Dass dieses durchweg in Grau gestaltet ist, ist ein Kunstgriff, den die eigene Wahrnehmung überraschend gut akzeptieren mag.

Perception is Reality, Hans Op de Beeck: The Garden Room, Frankfurt, Das vierte Zimmer
Hans Op de Beeck: The Garden Room

In dieser kühlen, dekorativen Anlage hängt ein kitschiger Blütenduft. Das Artifizielle der Gestaltung wird durch den Geruch unweigerlich verstärkt. Auch eine Erfahrung, die jedeR schon oft in anderen Situationen gemacht hat: man kann Gerüchen nicht entkommen, sie lassen sich aus unserer Wahrnehmung nicht ausblenden. Hier zieht der Geruch uns daher zusätzlich in die Installation hinein. Die BesucherInnen sind außerdem eingeladen, auf den Sofas Platz zu nehmen und so Teil des Stilllebens zu werden. Da der Raum trotz der beschriebenen Kühle und des Geruchs nicht abstoßend wirkt, will man dem gern nachkommen – und muss überrascht feststellen, wie hart die Sofas sind. Die optische Täuschung von Plüschigkeit wird nicht nur durch die graue Farbe konterkariert, sondern auch durch die Haptik. Der Eindruck von Zeitlosigkeit, der den Raum erfüllt, wirkt positiv auf die sitzenden BesucherInnen: es ist unübersehbar, dass hier gern jedeR noch verweilen möchte.

Perceptioni is Reality, Marnix de Nijs: Run Motherfucker Run, Frankfurt, Das vierte Zimmer
Marnix de Nijs: Run Motherfucker Run

Die präsentierten Arbeiten der anderen KünstlerInnen, besonders Alicja Kwade und Marnix de Nijs, machen die Ausstellung zu einem bewusstseinserweiternden Erlebnis. Unbedingt hingehen!

Perception is Reality, Alicja Kwade: Gegebenenfalls die Wirklichkeit, Frankfurt, Das vierte Zimmer
Alicja Kwade: Gegebenenfalls die Wirklichkeit

Und um noch einmal auf die Eingangsfragen zurückzukommen: Wie verändern Kunst und/ oder Virtuelle Realität unsere Wahrnehmung? Ist VR Kunst? Welche ästhetische und emotionale Erfahrung beschert VR/ Kunst? Wie immer liegt die Kunst im Auge des Betrachters – und in seiner Bereitschaft, sich (mittels der Datentechnik) täuschen zu lassen und eine andere Wirklichkeit zu erleben. Die Wirkweisen digitaler Kunst erinnern hier an theatrale Erlebnismöglichkeiten, die auch über den optischen Sinn hinausgehen. Die Täuschbarkeit unserer Sinne ist enorm und nicht kontrollierbar. Dies zu erleben ist bereichernd.

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